Welt 05.06.2026
07:15 Uhr

Morddrohungen, Stalker, kaum Privatsphäre – Magdalena Neuner kannte auch die Schattenseiten


Magdalena Neuner ist mit zwölf Goldmedaillen Biathlon-Rekordweltmeisterin. Dabei hätten es noch viele mehr werden können. Doch mit 25 beendete sie ihre Karriere. Heute ist sie Trainerin für Resilienz und Stressmanagement.

Morddrohungen, Stalker, kaum Privatsphäre – Magdalena Neuner kannte auch die Schattenseiten

Manchmal erschrickt Magdalena Neuner (39), wenn sie den Fernseher einschaltet und sich selbst sieht oder reden hört. Regelmäßig läuft ein Werbespot für ein Mikronährstoffgetränk mit der Biathlon-Rekordweltmeisterin als Kampagnengesicht. „Es ist immer wieder komisch, wenn man seine eigene Stimme hört“, sagt Neuner. „Als ich 2012 meine Karriere beendet habe, war überhaupt nicht absehbar, dass ich 14 Jahre später offensichtlich immer noch eine gefragte Person bin. Das freut mich natürlich, und ich bin sehr dankbar dafür.“ Sieben Werbepartner hat Neuner immer noch. Zu aktiven Zeiten waren es sogar zwölf. Sie wurde zur Werbemillionärin und erreichte Dimensionen, wie vor ihr nur Steffi Graf (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/steffi-graf/) und Franziska van Almsick (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/franziska-van-almsick/) . Doch die Erfolge mit zwölf WM-Titeln, zwei Olympia-Goldmedaillen und 34 Weltcupsiegen sind es nicht allein, die Neuner auch nach ihrer aktiven Karriere zu so einer gefragten Person machen. Ihre natürliche Art, die herzliche Ausstrahlung und der Mut zur Meinung tun ihr Übriges. „Irgendwie habe ich es geschafft, dass die Leute mich nicht mehr nur als die Sportlerin und Olympiasiegerin sehen, sondern auch als Persönlichkeit mit ihrer eigenen Sicht auf die Welt. Daher werde ich auch regelmäßig zu Podiumsdiskussionen eingeladen, bei denen es um Fragen geht wie ,Wie werde ich erfolgreich?‘ und ,Wie gehe ich mit Niederlagen um?‘ Und ich sitze zum Beispiel in der Jury des Vordenker-Forums“, sagt Neuner. „Das freut mich sehr, weil ich mich nie nur über den Sport definieren wollte.“ Das war auch einer der Gründe, warum die Bayerin aus Wallgau schon früh, im Alter von 25 Jahren, ihre Karriere beendete. Der andere Grund war: Sie hatte schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. „Ob ich nun zwölf oder 18 WM-Titel habe, hat für mich keine Rolle gespielt“, sagt sie. Uschi Disls Olympia-Silber motivierte sie als Kind Schon früh kommt Neuner zum Sport. Mit vier fährt sie Alpin-Ski, mit sechs macht sie im Ski­club Wallgau Langlauf, mit neun nimmt sie ein Freund mit zum Biathlon (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/biathlon/) . „Das Schießen hat mich sofort gepackt“, sagt sie. „Mit elf habe ich morgens vor der Schule die Olympischen Spiele in Nagano im Fernsehen geschaut, und Uschi Disl gewann Silber im Sprint. Da habe ich mir gesagt: Da will ich auch hin.“ Schnell zeigt sich ihr Talent. Im Alter von zwölf bis 16 gewinnt sie viermal in Folge die Gesamtwertung des Schülercups. Am Stützpunkt Kaltenbrunn nahe Garmisch-Partenkirchen trainiert sie unter Bernhard Kröll, der bis zum Ende ihrer Karriere ihr Heimtrainer bleibt. Mit 16 beendet Neuner nach der Mittleren Reife die Schule, konzentriert sich voll auf den Sport und wird Mitglied des Zoll-Ski-Teams. „Hut ab, dass meine Eltern mich bei meinem Sport immer unterstützt haben“, sagt Neuner. „Eigentlich wollen Eltern ja, dass ihr Kind etwas Vernünftiges lernt.“ Bei Junioren-Weltmeisterschaften holt Neuner sieben Goldmedaillen, mit 18 schafft sie den Sprung in das Weltcup-Team. Mit 19, im Januar 2007, feiert sie beim Sprint in Oberhof ihren ersten Weltcupsieg. Trotz zweier Schießfehler liegt sie im Ziel deutlich vor ihren Teamkolleginnen Andrea Henkel (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/andrea-henkel/) und Martina Beck. Schon in jungen Jahren ist Neuner regelmäßig die Schnellste in der Loipe und kann dadurch Schießfehler kompensieren. Neuner: „Ich habe eine große Schmerztoleranz“ Ihre Laufstärke ist zum Teil angeboren. „Messungen an der TU München haben ergeben, dass ich für eine Frau ein außergewöhnlich großes Herz habe. Das hätten sie selten so gesehen“, sagt Neuner. „Hoffentlich wird das in meinem späteren Leben nicht noch mal zu einem Thema.“ Was Neuner auch hilft: Sie kann ihren inneren Schweinehund besser bezwingen als andere. „Es hat mir nie etwas ausgemacht, über meine Grenzen zu gehen. Ich habe eine große Schmerztoleranz“, sagt sie. „Ich habe immer schon im oberen Bereich für mein Alter trainiert, oft auch mit Männern. Und im Wettkampf, wenn alles wehtut und man glaubt, man kann nicht mehr, konnte ich immer noch einen Schalter umlegen.“ Den Durchbruch hat Neuner bei der WM 2007 in Antholz (Italien): Sie gewinnt dreimal Gold – im Sprint, Verfolgung und mit der Staffel. „Am Anfang war ich ganz aufgeregt, mit meinen Idolen Uschi Disl, Kati Wilhelm (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/kati-wilhelm/) und Martina Glagow in einem Team zu sein“, sagt Neuner. „Als ich dann meine ersten Medaillen gewann, war das Euphorie und Freude pur. Ich war damals ja noch so jung und unbefangen. Wenn ich mir die Interviews von damals anschaue, muss ich schmunzeln, wie kindlich ich noch war.“ Als Unbeschwertheit und Privatssphäre verschwinden Nach dem Erfolg lässt es Neuner ordentlich krachen. Nach der ausgelassenen WM-Party verlässt sie das Festzelt auf den Schultern ihres Ski-Technikers, der jedoch auf einer Eisplatte ausrutscht – Neuner knallt auf den Boden und zieht sich eine schwere Knieprellung zu. „Danach hatte ich ein Jahr Schmerzen, besonders beim Liegendschießen“, sagt sie. „Das ist die einzige Verletzung, die ich in meiner ganzen Karriere hatte. Aber die Party war es wert.“ Doch nach der WM verschwindet die Unbeschwertheit. „Ich habe schnell gemerkt, dass sich mein Leben verändert hat“, sagt Neuner. „Interviews, Foto­shootings – das hat mich alles überfordert. Ich konnte nicht mehr unbehelligt zum Einkaufen gehen. Auch zu Hause hatte ich keine Ruhe mehr. Die Leute sind an unserem Haus vorbeigepilgert, haben mittags einfach geklingelt, um ein Autogramm zu bekommen. Dabei musste ich in dieser Zeit regenerieren und wollte eigentlich meinen Mittagsschlaf machen. Mir wurde viel von meiner Privatsphäre genommen. Das hat mich gerade am Anfang sehr belastet.“ Für das seelische Gleichgewicht beginnt Neuner früh, mit einem Mentaltrainer zusammenzuarbeiten, zu dem sie bis heute Kontakt hat. Er hilft ihr auch beim Sport. Denn so stark Neuner auch in der Langlaufloipe unterwegs ist, so schwankend sind zuweilen ihre Leistungen am Schießstand. „Ich habe ein paar Werkzeuge dazubekommen, die mich im Kopf stärker gemacht haben“, erklärt sie. „Am Schießstand habe ich mir oft einen imaginären Raum vorgestellt, den ich allein betrete und hinter mir verschließe. So konnte ich die Außenwelt ausblenden, hatte meine Ruhe und konnte mich auf das Schießen konzentrieren. Die Waffe und ich, wir wurden zu einer Einheit. Ich habe auch immer versucht, die Scheiben nicht als Gegner zu betrachten, sondern als Freunde.“ Die Freundschaft trägt Früchte. Bei der WM 2008 in Östersund gewinnt Neuner erneut dreimal Gold – im Massenstart sowie mit der Staffel und Mixed-Staffel. Außerdem holt sie sich den ersten von drei Gesamtweltcupsiegen. Neuners Unterwäsche-­Fotos als Trotzreaktion Den Olymp erklimmt Neuner 2010 in Vancouver. In der Verfolgung und im Massenstart gewinnt sie Olympia-Gold, im Sprint Silber. Getrübt wird die Freude durch den durchgetakteten Zeitplan. „Ich wurde von Termin zu Termin gezerrt und hatte nicht mal Zeit, mich mit meinen Eltern in Ruhe zu treffen“, sagt sie. „Bei Olympia kamen viele Emotionen zusammen: Freude über die Medaillen, aber auch Einsamkeit und Traurigkeit, wenn ich allein in meinem spartanischen Einzelzimmer saß.“ Auch das Frauen-Staffelrennen trübt die Stimmung. Die Trainer legen ihr ans Herz, darüber nachzudenken, ob sie in der Staffel nicht lieber den anderen den Vortritt lassen wolle, da sie ja schon Medaillen gewonnen habe und die anderen nicht, außer Simone Hauswald. „Ich wusste gar nicht, wie ich damit umgehen sollte“, sagt Neuner. „Ich wäre sehr gern bei der Staffel dabei gewesen, weil das immer etwas Besonderes ist. Andererseits habe ich Martina (Beck; d. Red.) den Platz von Herzen gegönnt. Am meisten enttäuscht war ich von der Führungsriege im Team, deren Aufgabe es gewesen wäre, eine Entscheidung zu treffen. Stattdessen wurde sie auf mich abgewälzt. Hinterher bekam ich noch einen Fair-Play-Preis überreicht. Dabei war mein Verzicht nicht ganz freiwillig.“ Die Staffel mit Martina Beck, Kati Wilhelm, Andrea Henkel und Simone Hauswald (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/simone-hauswald/) gewann schließlich Bronze. Nach den Olympiasiegen nimmt das öffentliche Interesse an Neuner weiter zu. Umso größer ist die Überraschung, als sie im Sommer 2010 für Unterwäsche-­Fotos posiert. Das passt so gar nicht zu ihrem bisherigen Image. „Die Fotos waren eine kleine Trotzhandlung“, sagt Neuner. „Mich hat genervt, dass ich immer in diese Schublade der strickenden, Harfe spielenden Lena aus dem oberbayerischen Allgäu gesteckt wurde. Ich wollte zeigen, dass in mir auch eine Frau steckt.“ Dann ergänzt sie: „Abgesehen davon sitze ich heute immer noch gern abends auf der Couch und stricke. Im Zug genauso. Dann werde ich manchmal mit den Worten angesprochen: ‚Es stimmt also, Sie stricken ja wirklich.‘“ Der Unterschied zwischen Neuner und Björndalen Die Kehrseite der Medaille: Wiederholt wird Neuner von Stalkern belästigt. Im August 2010 klettert ein psychisch kranker Mann auf ihren Balkon und klopft an die Tür. Er wird von der Polizei festgenommen und mit einem Kontaktverbot belegt. Doch er lässt nicht locker. Das Landgericht München schaltet sich ein, stuft ihn im Februar 2012 für schuldunfähig ein. „Das traurige Ende der Geschichte ist, dass er sich ein paar Jahre später wahrscheinlich infolge seiner Erkrankung das Leben genommen hat“, sagt Neuner. Nach drei weiteren Goldmedaillen bei der WM 2011 im russischen Chanty-Mansijsk (Sprint, Massenstart, Staffel) verkündet Neuner kurz vor der Heim-WM 2012 in Ruhpolding ihren Rücktritt zum Saisonende. Und auch bei ihrem letzten Auftritt auf der großen Bühne liefert Neuner trotz einer Morddrohung während der WM ab: Mit ihren Siegen im Sprint und mit der Staffel holt sie sich die Goldmedaillen Nummer elf und zwölf, was sie bis heute zur Rekord-Weltmeisterin im Biathlon macht. „Vor Kurzem hatte ich ein langes Gespräch mit Ole Einar Bjørndalen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ole-einar-bjoerndalen/) , der jetzt für das norwegische Fernsehen arbeitet“, erzählt Neuner. „Da wurde mir mal wieder deutlich, was wir für unterschiedliche Typen sind. Er war unersättlich nach Rekorden, wollte immer neue aufstellen, hat sein Karriere­ende so weit wie möglich hinausgeschoben. Der Sport war alles für ihn. Mir dagegen war immer eine Balance zwischen dem Sport und dem Leben abseits des Sports wichtig.“ In ihrem Pass hat sie zwei Namen stehen Genau aus diesem Grund beendet Neuner schon mit 25 Jahren ihre Karriere. Schnell verwirklicht sie ihren Traum von einer eigenen Familie. Mit ihrem Mann Josef Holzer, einem Zimmermeister aus Wallgau, hat sie die Kinder Verena (12), Josef (9) und Ludwig (4). „Mein Wecker klingelt um halb sechs“, sagt Neuner. „Kinder zur Schule bringen, aufräumen, einkaufen, kochen, Büro – mein Vormittag ist immer recht turbulent. Nachmittags versuche ich, möglichst viel Zeit mit den Kindern draußen zu verbringen. Die Herausforderung ist, wie wohl in jeder Familie heutzutage, die Zeit am Handy zu minimieren.“ Dabei helfen auch Haustiere. Drei Meerschweinchen und ein Hamster gehören zur Familie, seit Kurzem auch ein Pferd namens Sugar, das auf einem Hof in der Nähe lebt. Die Zeit für klassischen Sport ist knapp. „Wenn ich aber abends auf den Tracker schaue und 20.000 bis 30.000 Schritte am Tag sehe, dann ist das aber auch eine ganze Menge“, sagt Neuner. In ihrem Pass hat sie zwei Namen stehen: auf der Vorderseite ihren bürgerlichen Namen Magdalena Holzer, auf der Rückseite den Künstlernamen Magdalena Neuner (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/magdalena-neuner/) , mit dem sie sich weiterhin vermarktet. Regelmäßig hält Neuner vor Führungskräften Vorträge zum Thema Mindset, innere Stärke, seelische Gesundheit und psychische Widerstandsfähigkeit. Die Ausbildung dazu machte sie in einem Fernstudium. „Ich bin zertifizierte Trainerin für Resilienz und Stressmanagement“, sagt sie. Ein Herzensprojekt ist für Neuner die „Peak Performer Stiftung“, bei der sie Gründungsmitglied ist. „Wir möchten Kindern zeigen, wie toll es ist, im Leben aus eigener Kraft etwas zu schaffen“, sagt sie. „Sie sollen lernen, dass es sich lohnt, auch mal eine Extrameile zu gehen, und dass auch Rückschläge dazugehören und man daran wachsen kann. Wir zeigen auf, dass Erfolg sehr vielfältig sein kann. Es muss nicht immer gleich der Olympiasieg sein.“ Bei den „Kids-Camps“ können die Kinder ihre Fähigkeiten ausprobieren und Talente entdecken. Fest zum Programm gehört eine Biathlon-Schießeinlage. Dann greift auch Neuner noch einmal zum Lasergewehr und zeigt den Kindern, wie es geht. Eine bessere Lehrerin kann man sich kaum vorstellen. Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/) „Bild“ (verlinkt auf https://www.bild.de/sport/startseite/sport/sport-home-15479124.bild.html) , „Sport Bild“ (verlinkt auf https://sportbild.bild.de/) ) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.